Zur Problematik der Beschneidung von Frauen/kleinen Mädchen
 

Bundesverdienstkreuz für Rüdiger Nehberg

Der Berufsabenteurer und Menschenrechtler Rüdiger Nehberg ist für seinen Einsatz für bedrohte Völker mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis überreichte ihm in Kiel den Orden. "Sie engagieren sich seit vielen Jahren für bedrohte Völker, den Erhalt der Natur und kämpfen gegen die Mädchenbeschneidung in vielen afrikanischen Staaten", sagte Simonis. Der Orden sei ein kleines Dankeschön der Gesellschaft für große Verdienste.





Das Beschneidung/Verstümmelung betrifft zurzeit 130 Mio Frauen. Es ist also keine "Minderheit", von der hier die Rede ist. Es ist eine bestialische Metzelei, die alle 15 Sekunden einem kleinen Mädchen widerfährt. Wer seine Augen nicht vor den Grausamkeiten dieser Welt verschließt, sondern Genaueres über dieses Phänomen wissen möchte, der klicke bitte hier.

Fatima kann wieder lachen

Großer Erfolg des Hamburger Menschenrechtlers Rüdiger Nehberg: Das muslimische Volk der Afar wird seine Frauen nicht mehr verstümmeln.

Von Thomas Frankenfeld

(Hamburger Abendblatt, 28.2.02)

Ganz fest hält die siebenjährige Fatima ihre Puppe, ein Geschenk aus Hamburg. Für das vor drei Monaten beschnittene Mädchen wurde von Rüdiger Nehberg eine schulische Ausbildung organisiert.

Hamburg - Den Würdenträgern der Afar verschlug es die Sprache. Da saßen sie nun, die geistlichen und politischen Führer des Drei-Millionen-Volkes und sperrten die Münder auf. Etwas Ungeheuerliches, Revolutionäres war geschehen: Eine Frau war einfach aufgestanden und hatte ungebeten, aber vehement, das Wort ergriffen.
   "Ihr müsst schon entschuldigen, wenn ich jetzt einfach rede", schleuderte sie den Männern entgegen. "Und wenn ich rede, kann ich vor lauter Wut kaum wieder aufhören. In der ganzen Welt freuen sich die Frauen auf die Hochzeit und die Ehe - nur wir Afar-Frauen nicht, weil es für uns der Beginn einer Hölle ist. Ich möchte den Mann sehen - er stehe jetzt auf und melde sich - dessen Geschlecht in der Hochzeitsnacht nicht blutüberströmt war."
   Die schockierten Männer wussten sehr wohl, was sie meinte und schwiegen betreten. Geschlechtsverkehr mit den verstümmelten und zugenähten Frauen ist kaum möglich. Viele Frauen müssen daher auf Beschluss des Stammes mit Klingen geöffnet werden.
   So wagemutige und offene Worte aus dem Munde einer Frau in aller Öffentlichkeit hatte das prüde, patriarchalische und muslimische Afar-Volk noch nie vernommen. Doch die vom Hamburger Menschenrechtler und Abenteurer Rüdiger Nehberg und seiner Lebensgefährtin Annette Weber organisierte und auch finanzierte Stammesversammlung zur Ächtung der Frauenbeschneidung brach ohnehin alle Dämme der Tradition. Und mit 1200 statt 120 erwarteten Teilnehmern wurde sie das größte Treffen in der Geschichte der Afar.

Heute erhält Rüdiger Nehberg das Bundesverdienstkreuz am Bande aus der Hand von Schleswig-Holsteins Ministerpräsidentin Heide Simonis.
   Immer mehr Frauen redeten sich ihr jahrelanges Leid von der Seele, sie erzählten von den unerträglichen Qualen der genitalen Beschneidung und ihren Folgen. "Bei der Geburt meines Kindes litt ich entsetzlich und wurde schließlich ohne Betäubung einfach quer aufgeschnitten, weil mein Geburtskanal zugewachsen war. Mein Kind wurde stückweise herausgezerrt", berichtete eine Afar-Frau schluchzend.
   Nehberg und seine Partnerin waren zutiefst beeindruckt vom Mut der Frauen. "Wie sie zunächst dasaßen, getrennt von den Männern, kamen sie uns vor wie wie Opferlämmer auf der Schlachtbank, über deren Schicksal entschieden wird", sagt der Hamburger. Doch aus den Lämmern wurden Löwinnen, die um ihr Recht kämpften.
   Nehbergs Ansatzpunkt für seine Kampagne erwies sich als der Richtige. "Die Frauenbeschneidung ist antiislamisch", argumentiert er. "In der 6. Sure des Korans heißt es ausdrücklich, dass Gott den Menschen vollkommen geschaffen habe - an ihm herumzuschneiden ist also Gottesanmaßung." 80 Prozent der Muslime in der Welt teilen diese Auffassung. Auch die Mullahs der Afar schlossen sich Nehbergs Argumentation grundsätzlich an. Doch dann meinten einige Hardliner, Mohammed selbst habe schließlich die Kappung der Klitoris erlaubt. Die Stimmung schwankte, drohte zu kippen.
   "Nun flehten uns die Frauen uns an, nicht weiter zu kämpfen", berichtet Annette Weber, "sie sagten, sie seien bereit, ihre Klitoris zu opfern, wenn sie nur nicht mehr die grausame pharaonische Beschneidung erleiden müssten."
   Doch dann erhebt sich ein aufgeklärter Mullah und sagt: "Gewiss, Mohammed hat die Kappung der Klitoris erlaubt - aber wohl nur, weil er damals selbst unter Druck von Traditionalisten stand. Wir geistlichen Führer der Afar empfehlen dies nicht - wir raten sogar davon ab, auch, weil durch die unhygienische Beschneidung Aids und andere Infektionen übertragen werden." Nach einigem Gegrummel meint dann ein Traditionalist achselzuckend: "Na gut, dann können wir es ja eigentlich auch ganz lassen . . . "

Diese einfache Hütte ist das Heim von Fatima. Hier lebt sie mit den Eltern, der Großmutter, zwei Brüdern, einer Kuh und einem Kalb.

   Also beschließt die Versammlung: Die Frauenbeschneidung wird für das Volk der Afar verboten, Verstöße sind anzeigepflichtig. Das neue Gesetz wird sofort in die islamische Rechtsprechung, die Scharia, aufgenommen.
   Ungläubiges Staunen bei Nehberg, Weber und auch den Afar-Frauen über diesen sensationellen Erfolg, dann bricht frenetischer Jubel los. "Die Frauen waren völlig außer sich vor Freude, tanzten und umarmten mich", sagt Weber, "es war ein sehr eindrucksvoller Moment."
   Ein wenig abseits steht ein junger Mann und starrt zu einem großen Banner empor, auf dem das Foto eines grazilen Mädchens mit unendlich traurigen Augen prangt - Fatima, das Kind von der Seite 3 des Hamburger Abendblattes vom 11. Januar. Damals hatten wir berichtet, wie die Siebenjährige grausam verstümmelt wurde, einen Schock erlitt und seitdem kein Wort mehr sprach. "Das ist meine Tochter", flüstert der Afar-Mann. "Das ist meine Fatima." Nehberg und Weber überreden ihn sofort zu einem Besuch in der Hütte der Familie.
   Scheu steht sie da in der schlichten Unterkunft, an deren Wänden nun Plakate gegen die Frauenbeschneidung hängen, und klammert sich an ihre Mutter. Sie spricht wieder, aber wenig. Annette Weber drückt Fatima eine Baby-Puppe in die Hand, mitgebracht aus Hamburg. Fatima, die noch nie in ihrem Kinderleben ein Geschenk erhalten hat, weiß zunächst nicht, was sie sagen soll, doch dann hält sie die Puppe ganz fest und lässt sie nicht mehr los. Zum ersten Mal lacht sie wieder. Die beiden Menschenrechtler nutzen die Gelegenheit: Unter tätiger Mithilfe des aufgeklärten Afar-Führers Abdallah organisieren sie Schulunterricht für Fatima und vier andere Mädchen, rüsten sie mit Schultaschen aus. Ein Vertrauensmann von Nehbergs Hilfsorganisation Target stellt vor Ort sicher, dass der Schulunterricht jeden Tag stattfindet, dafür zahlt Target pro Mädchen 25 Mark im Monat. "Fatima hat eine große Chance bekommen", sagt Abdallah ernst.
   Doch den ergreifendsten Moment erlebt Annette Weber am nächsten Morgen. Eine blasse Frau steht plötzlich vor ihr und hält ihr ein winziges Bündel entgegen. "Das ist meine Tochter", sagt sie. "Sie wurde letzte Nacht geboren. Es ist das erste Mädchen der Afar, das nicht beschnitten sein wird. Ich danke euch von ganzem Herzen."

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